Zum x-ten Mal: die deutsche Genderfrage

„Sehr geehrte Damen und Herren“…

Was stimmt nicht mit dieser Anrede? Nichts, hätte ich noch vor knapp einem Jahr geantwortet. Was soll damit nicht in Ordnung sein?

Als Übersetzerin habe ich es schon immer als meine Aufgabe angesehen, mich bei der Form des Zieltextes nach den Wünschen des Kunden zu richten. Diese Wünsche dabei nach Möglichkeit mitzugestalten, betrachte ich als Sprachmittlerin geradezu als meine Pflicht. Bei Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche habe ich bereits seit einiger Zeit versucht, immer eine – wie ich dachte – geschlechtergerechte Sprachverwendung sicherzustellen, indem ich entweder Doppelnennungen wie z. B. „Bürgerinnen und Bürger“ oder die Verwendung des „Binnen-I“ vorschlug („BürgerInnen“). Mal mehr, mal weniger erfolgreich natürlich. Je nach KundIn.

Als Amnesty International, für die ich bereits seit Jahren übersetze, irgendwann vom Binnen-I zum Unterstrich überging („Bürger_innen“), konnte ich mich für diese neue Form des Genderns sofort begeistern: als „Gender Gap“ soll der Unterstrich stellvertretend für alle weiteren Geschlechtsidentitäten stehen, die in der binären Mann/Frau-Terminologie nicht berücksichtigt werden. Fortan genderte ich meine Texte also mit dem guten Gefühl, jetzt alles „richtig“ zu machen.

Allerdings brauchte es einen Umzug nach Berlin, eine Festanstellung bei Amnesty und den Umgang mit vielen starken und visionären Menschen, um mir weitere blinde Flecken vor Augen zu führen: Ich war enthusiastische Verfechterin des Unterstrichs, schrieb aber gleichzeitig munter weiter E-Mails mit der Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ und lauschte der Bundeskanzlerin ohne mit der Wimper zu zucken bei ihren mit „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“ eingeleiteten Reden. Die Frage lautet zu Recht: Wo sind denn nun in diesen Formulierungen die im Gender Gap Mitgemeinten vertreten?

Bühne frei für die Diskussionsrunde zu gendergerechter Sprache „Sag’s korrekt, Bitch“ im Rahmen des taz-Kongresses in Berlin am 25. April 2015. Auf dem Podium saßen Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray, promovierte Sprachwissenschaftlerin und Rapperin; Lann Hornscheidt, Professx für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien an der HU Berlin; Ferda Ataman, Leiterin des Mediendienstes Integration; sowie die Moderatorin des Gesprächs, Katrin Gottschalk vom Missy Magazine. Die anderthalbstündige Debatte drehte sich um misogyne, rassistische und in anderer Weise diskriminierende Sprachhandlungen, wobei die Diskutierenden inspirierende Wege aufzeigten, kreativ und verantwortungsvoll mit Sprache umzugehen und sich nicht unreflektiert den festgelegten Begrifflichkeiten zu unterwerfen.

Lann Hornscheidt, selbsternanntex „Professx“, vertrat dabei mit Leidenschaft den Standpunkt, Sprache nicht als unantastbares Heiligtum zu betrachten, sondern sie ständig zu hinterfragen und sich von Fall zu Fall immer wieder neu Gedanken zu machen, wie mensch einen bestimmten Begriff benutzt, welches Zeichen mensch damit setzt, zu welcher Gruppe mensch spricht und welchem Zweck Sprache in diesem bestimmten Fall dienen soll.

Sprache als kreativer Prozess, Sprachgebrauch als wahrhaft demokratisches Gut. Jedex Linguix weiß, dass Sprache ständig im Fluss ist – trotzdem scheinen gerade Menschen, die sich viel mit Sprache befassen, oft eine Art eingebauten Alarmknopf zu besitzen, an dem immer ein nervöser Finger liegt, bereit, sofort zu zucken, wenn etwas sprachlich „nicht korrekt“ ist. So auch bei mir. Die Menschenrechtlerin in mir war begeistert von Lann Hornscheidts Ausführungen. Die Übersetzerin hingegen meldete sich in meinem Kopf sofort mit ihrer eigenen Meinung zu Wort: Das ist ja alles schön und gut, meckerte sie, aber was ist mit den armen Übersetzx? Wann haben die schonmal Gelegenheit, sich gendergerecht auszutoben, ohne am Ende den Text als „unlesbar“ um die Ohren gehauen zu bekommen? Das ist übrigens offenbar noch so eine Sache: Lann Hornscheidt hat bereits Anfeindungen erhalten, die propagierte „x-Form“ sei dann aber in bestimmten Fällen grammatikalisch nicht korrekt. Pöh, unglaublich, wie sich manche Menschen ereifern können, denkt sich mein neues sprachbewusstes und sprachtolerantes Ich. Ein wenig Kreativität und ein Ruck hin zur Inklusivität schadet der deutschen Sprache mit Sicherheit nicht…

Lann Hornscheidt bezeichnet sich also selbst als Professx, betont jedoch gleichzeitig auch, dass dies nicht automatisch als allgemeingültige Forderung nach der Einführung der „x-Form“ verstanden werden soll. Da frage ich mich doch: Warum nicht?! Ich für meinen Teil wäre bereit, alle grammatikalischen Bedenken über Bord zu werfen, wenn ich in Zukunft als Anrede seelenruhig „Liebex Uli“ schreiben könnte; denn wie oft ist mensch in einer Situation, in der sich das Geschlecht bzw. gewählte Geschlecht der/des/dex anderen nicht so ohne Weiteres durch den Namen erschließt und die Fettnäpfchengefahr riesengroß ist? Und der Vorteil für uns Übersetzx ist unübersehbar: Kein lästiges Recherchieren mehr, ob der im englischen Ausgangstext erwähnte US-amerikanische/vietnamesische/finnische Außenminister vielleicht ja doch nicht männlich, sondern weiblich, inter* oder trans* ist. Stattdessen einfach Satz mit x: Ministx! Easy peasy.

Und was ist nun mit der Kanzlerin? Die muss wohl dafür sensibilisiert werden, in Zukunft „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Zuhörende“ zu sagen. Und wir alle können schon einmal damit anfangen, einen angemessenen Ersatz für „Sehr geehrte Damen und Herren“ zu finden. Von Fall zu Fall, versteht sich.